Und schon tauchte das nächste unerwartete Problem auf. Odin, meine Oberhenne, hat schon mal Probleme mit dem Herz. Unser Vorteil ist, dass sie dann auf meine Stimme hört und reagiert. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber ich konnte ihr damit immer Halt geben.
Nachdem nun Wotan mit im geschlossenen Käfig saß, fing sie an zu hyperventilieren, das Herz schlug sichtbar und sie fing gerade an die Augen zu verdrehen, als ich es bemerkte. "Odin, ich bin hier", habe ich zu ihr gesagt, "konzentrier Dich auf mich, nur auf mich." Und es funktionierte, sie wurde wieder ruhiger. Also habe ich den ganzen Abend auf dem Sprung gesessen, um jederzeit eingreifen zu können. Und nicht Wotan habe ich beobachtet, sondern Odin. Doch der Abend und die Nacht verliefen ruhig.
Allerdings war Odin nicht stark genug, Wotan seinen Platz in der Wellihierarchie zuzuweisen. Wotan war mit 44 anderen Vögeln aufgewachsen und war es gewohnt, sowohl seinen Sitzplatz wie auch sein Futter vehement zu verteidigen. Das kannten meine Vögel nicht. So war meine nächste Aufgabe, Odin zu stärken. Sie hatte schon bei 2 Malen nachgegeben und einen Rückzieher gemacht. Und sie war unglücklich. "Odin, wovor hast Du denn Angst? Dass er Dir in die Füsschen beißt oder in das Schwänzchen? Damit wirst Du doch fertig! Wie oft hat Loki das versucht oder auch getan?!" Und sie sah mich aufmerksam an. "DU bist die Oberhenne und DU bestimmst, was hier abläuft. Sieh ihm fest in die Augen und dann geh auf ihn zu. Er wird weichen, denn er kennt die Rangfolge im Schwarm!" Als es zum nächsten Zusammenstoß kam, hat sie sich tatsächlich durchgesetzt und ich habe sie gelobt, wie stolz ich auf sie sei. Das tat ich auch beim nächsten Mal. Danach habe ich mit dem Loben aufgehört, denn sie hatte sichtlich Spaß daran als die Stärkere hervorzugehen und ich wollte nicht, dass sie mir Wotan in kleine Teile zerlegt.
Auch unser abendliches Spielen auf der Hirsehand lief gut an. Wotan kam bereits nach 3 Tagen auf die Hand. Wobei ich Odin immer ein bisschen austricksen musste, damit sie abgelenkt war und er die Gelegenheit zum Fressen bekam.
Doch plötzlich änderte sich sein Verhalten. Er kam nicht mehr auf die Hand, fraß nur noch mit langem Hals ohne die Hand zu berühren oder verzichtete ganz. Ich konnte das nicht verstehen. Wieso diese Rückentwicklung? Wieder mal ein Rätsel. Abends in einer ruhigen Minute habe ich darüber gegrübelt und dann fiel es mir auf - ich war schuld daran!
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