Ich habe lange überlegt, ob ich auf die Beiträge hier antworten soll. Es lohnt sich erfahrungsgemäß nicht, und ich verbringe die Zeit, die mich das Antworten kostet, lieber mit Shakira, aber der letzte Post von Spinnenbein hat meinem Fass den Boden rausgehauen.
Schon bei Deinem ersten Beitrag, Spinnenbein, musste ich mich sehr zusammenreißen, um nicht etwas dazu zu sagen. Du beurteilst mein Verhalten ohne die Situation zu kennen und Du – und das ist für mich das Erschreckende – beurteilst mich und meine Situation anhand DEINES Erlebens. Du beurteilst nach menschlichen Kriterien die „Empfindungen“ eines jungen Welli-Hahnes, den Du noch nicht einmal selbst erlebt hast! Und Deine Meinung ist so unverrückbar Du kommst gar nicht auf die Idee, dass es möglicherweise anders sein könnte, als Du denkst. Sowas nennt man Vorurteile.
Du schreibst: „Du hast das Männchen mit einem Käfigaufenthalt bestraft,obwohl er gar nicht versteht,was er denn so falsch gemacht hat.“
Bestraft? Weil er etwas falsch gemacht hat? Der junge Mann wurde zu seinem Schutz in den Käfig verbracht! (Was sich im Nachhinein als die einzig richtige Entscheidung herausgestellt hat.)
Beim ersten gemeinsamen Fliegen ist sie ihm vor lauter Begeisterung ständig hinterhergeflogen. Er hat sie entweder durch ängstlich wirkendes Weghacken abgewehrt und wenn das nicht half, ist er geflüchtet. Die in zwei großen Blumentöpfen auf dem Schrank stehenden ca. 1 m langen Obstbaumäste sowie die Freiflugschaukel hat er mehrfach nicht erwischt und ist wild irgendwo gelandet.
Wie ich schon sagte, ist es mir derzeit nicht möglich ein Zimmer freiflugsicher einzurichten, weshalb Shakira nur unter Aufsicht raus darf (was mich täglich bis zu 4 Stunden Zeit kostet). Limon konnte Gott sei Dank überall landen – Shakira kann?/tut das nicht – aber er hat bereits nach kurzer Zeit und wirklich kurzen Strecken derart schwer geatmet und sein Herz hat so geklopft, dass ich die Gefahr gesehen habe, dass er einen „Herzkasper“ bekommt. Zumal er meiner Meinung nach sehr dick war, was auf den Verkaufsfotos nicht so rauskam.
Ich hatte auf irgendeiner Welli-Homepage gelesen, dass Vögel beim Einfangen vor lauter Stress versterben können, und habe es daher als meine Aufgabe gesehen, ihn zu schützen. Nachdem er nicht in den Käfig zurückgegangen ist und Shakira natürlich nicht in ihren Käfig zu kriegen war, blieb mir nichts anderes übrig, als ihn schnell vorsichtig zu greifen und hineinzusetzen. Er hat sich nicht gewehrt, was mich aufs Höchste erstaunt hat, da ich hundertprozentig sicher bin, dass Shakira heftigst gezappelt und um sich gebissen hätte. Das Anfassen hat ihn mit Sicherheit noch zusätzlich gestresst, aber kurzfristig. Danach hatte er einen geschützten Raum ohne „liebestolle“ Henne und damit die Möglichkeit, sich von der ganzen Aufregung zu erholen.
Für Shakira ist ihr Käfig ihre „Zuflucht“. Wenn sie sich erschreckt, fliegt sie in ihren Käfig und kommt erst wieder raus, wenn sie sich wieder beruhigt hat. Und sie kommt auch nicht raus, wenn ihr etwas nicht geheuer ist. Sie hüpft vielleicht auf das waagrecht stehende Türchen und guckt, aber immer „auf dem Sprung“, also so, dass sie jederzeit wieder rein, sich in Sicherheit bringen kann.
Ein Tier verwöhnen, wie Du schreibst, ist eine menschliche Betrachtungsweise. Verwöhnen gibt es in der Natur nicht. Wer sein Tier verwöhnt, der hält es nicht artgerecht und tut ihm damit nichts Gutes. Bei Vierbeinern (Hunden, Katzen) kann man das sehr oft überdeutlich sehen. Mit nicht selten denselben gesundheitlichen Folgen, die Menschen bei Adipositas kriegen.
Wenn ich Shakira sehr viel meiner Zeit gebe, dann tue ich das, damit es ihr gutgeht. Ich mache das nicht, weil ich mir nichts Schöneres vorstellen kann, als jeden Tag stundenlang einen Wellensittich zu bespaßen. Aber ich habe die Verantwortung für sie übernommen und sie ist mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, und da habe ich gefälligst dafür zu sorgen, dass sie das, was sie braucht, bekommt. Meinen Möglichkeiten entsprechend. Ihre natürlichen Bedürfnisse werde ich niemals erfüllen können. Artgerecht ist für jedes Tier nur die Freiheit. Und auch ich als Mensch habe Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen, und vorallem gibt es für Menschen auch Pflichten. Trotzdem ist es für mich selbstverständlich, alles in meiner Macht stehende zu tun, dass es dem (von mir abhängigen) Tier, das sich sein Leben genauso wenig „ausgesucht“ hat wie ich, so gut geht, wie ich es machen kann.
Für mich ist es bspw. völlig unnatürlich, dass Vögel Körner aus einem Napf picken. Nahrung auf dem Silbertablett (bei Edelstahlnäpfen kommt das sogar fast hin) serviert. Deshalb habe ich bei zwei hier empfohlenen Shops alles an Rispenhirse bestellt, was zu kriegen war, und das, was nicht zu kriegen war, eben als ausgedroschene Einzelsaat. Und bevor Du jetzt in Schnappatmung gerätst: Ich habe mich über eine Woche durch sämtliche Ernährungsinfos auf diversen Welli-Seiten gelesen und selbstverständlich auch Grassamen und ölhatige Saaten bestellt. Letztere bekommt Shakira nur in geringsten Mengen unter die Grassamen gemischt, und ich habe nicht den Eindruck, dass sie sie mag.
Von den (teuren) Rispen frisst sie etliche auch nicht. Ich denke, weil ihr die Körner zu groß sind. Shakira ist sehr klein und zierlich. Sie entspeltzt Schelli bspw. mit Hingabe, aber immer wenn ein Korn entspeltzt ist, dreht sie es ein paar Mal im Schnabel rum und spuckt es dann richtiggehend aus. Und wenn sie das Korn so in ihrem Schnabel dreht, frage ich mich erntshaft, wie sie einen solchen Brocken schlucken soll. Und verdaut werden muss das doch recht harte Korn ja auch.
Ich übertrage ganz sicher keine menschlichen Empfindungen auf sie. Ich weiß, dass sie ein Tier ist und (vorwiegend) instinktgesteuert. Mit dem Empfinden bzw. den Gefühlen von Tieren habe ich mich schon oft und lange beschäftigt. Ich weiß, dass sie mich nicht „liebt“, und auch wenn sie mir scheinbar „Zuneigung“ entgegenbringt, dann geschieht das nicht, wegen mir, sondern ich bin das Ersatzobjekt, an dem sie ihre Bedürfnisse zu befriedigen versucht. Menschen nennen das „gezähmt“.
Ich weiß, wie Vögel geprägt werden (siehe die Graugänse von Konrad Lorenz oder den leider nicht mehr zur Vermehrung zu gebrauchenden faszinierenden Kakapo Sirocco) und habe von Anfang an versucht, dagegen zu wirken, dass Shakira sich zu sehr an mich bindet. Bspw. indem ich ihr einen Ast als Anflugplatz geboten habe, statt meiner Hand. Eben damit sie bei einer Vergesellschaftung später keine Probleme hat. Der engere Kontakt zu mir ging von ihr aus, und so wie sie sich dem Hahn gegenüber verhalten hat, hat ihr das meiner Meinung nach nicht geschadet. Als er da war, hatte sie nur noch Augen für ihn, und ich war froh und dankbar, weil ich dachte, dass sie jetzt endlich artgerecht kuscheln kann, und ich endlich wieder mehr Zeit für mich habe.
Der Mensch geht immer von sich selbst aus, sagt ein Sprichwort. Das ist zunächst einmal völlig normal. Von was denn auch sonst. Für mich ist es jedoch wichtig, mich als denkender und wahrnehmender Mensch darüber hinaus zu entwickeln, Dingen auf den Grund zu ghene, sie zu hinterfragen – inklusive mich selbst.
Meiner Meinung nach dient jedes als sogenanntes „Luxustier“ angeschaffte Tier der Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses. Es wird benutzt – wofür auch immer. Derart domestizierte Tiere sind in Freiheit nicht mehr (über)lebensfähig. Ich kann Shakira nicht auswildern. Sie hat ja noch nicht mal mehr ihre natürliche Farbe. Von mir aus hätte ich mir nie einen Vogel zugelegt, weil ich es generell nicht für gerechtfertigt halte, Tiere ohne triftigen Grund einzusperren. Aber sie ist quasi in mein Leben geflogen und die Alternative wäre gewesen, sie ins Tierheim zu geben, wo ein Wellensittich mit ausgebrochener und behandlungsbedürftiger PBFD im Schwarm mitfliegt.
DAS wäre übrigens natürlich gewesen. In der Natur geht es nicht darum, dass es einem Lebewesen gut geht, in dem Sinne, dass es sich wohl fühlt. In der Natur geht es ums Überleben und darum, sich fortzupflanzen. DAS ist im Grunde ein artgerechtes, freies Leben. Aber das geht gegen das menschliche Empfinden. Mal ehrlich; Wem von euch tut es nicht leid, wenn ein Löwe eine Gazelle erlegt? Und wer hat Mitgefühl mit dem hungrigen Löwen, wenn ihm seine Beute entwischt?
Mit der Zeit, die ich mit Shakira verbracht habe, sind wir uns vertraut geworden und ein Team, das sich auch ohne Worte versteht, und ich hatte gehofft, bald die Möglichkeit zu haben, in einem halben Zimmer einen kleinen Schwarm zu halten, der aus Vögeln besteht, die „überflüssig“ geworden sind.
Es ist richtig, dass ich einen „echten“, richtigen Partner für sie suche. DEN richtigen sozusagen. Und zwar deshalb, weil Shakira ein ausgeprägtes „Kuschelbedürfnis“ hat (sie hat kürzlich sogar mit einem ihrer Schredderäste gekuschelt, was mir in der Seele weh getan hat) und ich der Überzeugung bin, dass sie einen Partner braucht, der sie heiß und innig liebt. Sie wollte den Limon „lieben“ und wollte, dass er sie liebt. Sie hat sich auf einen Ast unter ihn gesetzt, ihr Köpfchen aufgeplustert und es ihm von unten entgegengehalten. NICHTS. Sie ist auf dem Ast auf dem er saß, zu ihm hingetrippelt und hat mit ihrem kleinen Schnabel ganz vorsichtig seinen Schnabel berührt. Er hat sie abgewehrt. Sie hat ihm die tollsten Gechichten erzählt, laut, leise und in Tönen, die ich von ihr noch nie vorher gehört hatte. Keine Reaktion. Nicht ein einziger Piep als Antwort. Auch wenn Vögel nicht in menschlichen Kategorien denken, so denke ich, dass es gerechtfertigt ist, ihr daraufhin höchst aggressives Verhalten als schwere Enttäuschung bzw. Frustreaktion zu bewerten.
Für die Vergesellschaftung mit einem Welli, der vor ihr (zum Teil panische) Angst hat, habe ich nicht nur nicht die Möglichkeiten, ich halte das auch nicht für sinnvoll. Und eben weil ich will, dass es meinem kleinen Vogel gut geht, überlege ich immer wieder, Shakira abzugeben. Nicht obwohl ich sie sehr lieb gewonnen habe, sondern weil.
Dass sie merkt, dass mich das sehr traurig macht, glaube ich nicht. Wenn ich in diesem Forum die Berichte von Eingangschecks beim Tierarzt lese, dass die Halterinnen Angst haben, ihr Tier zu fangen, zitternd der Untersuchung beiwohnen und schweißgebadet wieder nach Hause kommen, dann müsste ihr Vögelchen dieser Annahme zufolge, einen der tausend Tode ihres Federlosen mitgestorben sein. Stattdessen zwitschert es bereits kurz nach der Untersuchung wieder fröhlich in seinem Käfig.
Aber zurück zum Abgeben von Shakira: Wenn ich lese, was insbesondere Spinnenbein hier schreibt, frage ich mich: Wem kann ich sie guten Gewissen geben?
Stell Dir mal vor, Du wirst in eine 20 m²-Wohnung gesperrt. Du bist mit allem versorgt, was Dein Körper braucht, aber Du hast null Kontakt zu anderen Menschen. Dann setzt Dir jemand XYZ in die Wohnung. (Das Ekelobjekt der zu erwartenden Begierde bitte dem jeweiligen Geschmack anpassen). Ich bin sicher, dass Du nach einem halben Jahr Deprivation seinem Charme erliegst. Um psychisch zu überleben. Weil der Mensch ein Herdentier ist, und ganz ohne Artgenossen nicht leben kann. Kennst Du die Sprachexperimente mit Kindern von Friedrich II.?
In der Natur würden sich Vögel, die sich nicht mögen, aus dem Weg gehen. Wenn die Charaktere bei nicht domestizierten Tieren wirklich sehr unterschiedlich sind. Evolutionstechnisch wäre das kein Vorteil, und deshalb halte ich große Charakterunterschiede eher für Folgen von Zucht und Käfighaltung. Aber unabhängig davon, wie sich das verhält: In den natürlichen großen Schwärmen wären unterschiedliche Charaktere kein großes Problem. Die Tiere können sich ausweichen und die Auswahl an Partnern ist so groß – es kommen ja auch ständig neue Vögel hinzu – dass sich garantiert für jeden Topf ein Deckel findet. Wenn ICH meinem Welli keine Auswahl bieten kann, so darf das meines Erachtens nicht zu seinem bzw. ihrem Problem werden. Vögel auf Teufel komm raus vergesellschaften zu wolle ist in meinen Augen egoistisch und nicht im Sinne der Tiere bzw. einer möglichst artgerechten Haltung.
Ich gehe davon aus, dass die kognitive Dissonanz, die mein Beitrag bei einigen hier auslösen wird, zu einem Shitstrom führen wird, in dem sich die empörten Andersdenkenden solange bestätigen, bis diese wieder ein erträglich Maß erreicht hat. Ich wünsche viel Spaß dabei!
Und wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich für die, die nicht so „unterwegs“ sind und wissen möchten, wie die Geschichte ausgegangen ist, einen Beitrag erstellen.


Das meine ich jetzt auch nicht „böse“...
aber niemals hätte ich einen abgegeben oder weggegeben. sowas überlegt man , wenn einer der beiden blutig gehackt wurde.
die Fanny & Co. mit Felo Susanne

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